An einem winterlichen Novemberabend war ich mit meiner Kamera unterwegs und hielt Ausschau nach Vögeln. Man könnte meinen, dass um diese Jahreszeit die meisten Zugvögel bereits in den Süden aufgebrochen wären – doch das war nicht der Fall. Die Waldrappen, eine stark gefährdete Ibisart, waren dieses Jahr spät dran und hätten ihre Reise über die Alpen eigentlich schon im September oder Oktober antreten sollen.
Im Herbst ziehen diese Vögel normalerweise von ihren Brutgebieten in Mitteleuropa über die Alpen nach Südtirol und weiter bis in die Toskana, wo sie überwintern. Die Schweiz liegt dabei auf ihrer Flugroute. Aufgrund des frühzeitig einsetzenden Winterwetters fiel es ihnen jedoch schwer, geeignete Thermik über den Alpen zu finden – eine wichtige Voraussetzung für ihren energieeffizienten Flug.
Früher war der Waldrapp in weiten Teilen Europas verbreitet, starb jedoch im 17. Jahrhundert in Mitteleuropa aus – vor allem durch intensive Bejagung und Lebensraumverlust. Nur dank wissenschaftlich begleiteten Wiederansiedlungsprojekten wie dem „Waldrappteam“ ist es heute möglich, dass diese Vögel wieder in Europa brüten. Die Tiere werden zum Teil von Hand aufgezogen und mit GPS-Sendern ausgestattet, um ihre Wanderbewegungen zu verfolgen. Selbst den Weg in den Süden müssen junge Vögel erst erlernen. Dazu begleiten sie speziell ausgebildete Menschen in Ultraleichtflugzeugen über die Alpen. Ziel ist es, dass die Nachkommen den Zugweg eigenständig erlernen und später als Wildtiere überwintern und brüten.
Dass ich diese bedrohte Art an jenem Abend entdecken konnte, grenzt fast an ein Wunder. Ohne die Wiederansiedlungsprojekte wäre eine solche Begegnung kaum möglich gewesen. Die Vögel hielten sich auf einem Acker auf und suchten dort nach Nahrung. Ich konnte beobachten, wie ein Waldrapp geschickt einen Wurm aus dem Boden zog und verschlang.

Waldrapp (Geronticus eremita) // 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 2000 | 600 mm
Zunächst befand ich mich noch in einiger Entfernung, doch plötzlich flog die ganze Gruppe in meine Richtung und landete direkt vor mir. Vermutlich hatten sie an ihrem vorherigen Standort nicht mehr genug Nahrung gefunden und suchten daher einen neuen Platz. Ich war völlig überrascht, wie wenig scheu sie waren. Fast ungestört setzten sie ihre Futtersuche vor meinen Augen fort. Offenbar waren sie bereits an Menschen gewöhnt. So gelang es mir, einen Waldrapp aus nächster Nähe zu fotografieren.
Mich fasziniert dieser Vogel besonders wegen seines gebogenen Schnabels – eine Eigenschaft, die nur wenige andere Vogelarten in der Schweiz aufweisen. Auch das tiefschwarze, leicht metallisch schimmernde Gefieder und die kahle rote Kopfhaut machen ihn für mich einzigartig.
Zufrieden beendete ich meine Fotografie und wollte die Tiere für diesen Abend in Ruhe lassen. Besonders wünschte ich ihnen eine sichere und erfolgreiche Reise in den wärmeren Süden.
Quellen:
- home en – Waldrapp. (2025, April 10). Waldrapp. https://www.waldrapp.eu/en/
- Waldrappteam. (2025, April 7). Waldrappteam. https://www.waldrappteam.at/en/
- Schweizerische Vogelwarte. (2024, October 23). Vogelarten: Waldrapp. https://www.vogelwarte.ch/de/voegel-der-schweiz/waldrapp/



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