Feldhasen im letzten Licht

Die Tage werden immer länger. Schon an diesem Abend Ende Mai wird die Sonne erst nach neun Uhr untergehen. Der Sommer naht und die Temperaturen sind bereits angenehm warm. Gespannt mache ich mich auf den Weg zu einer neuen Location. Vor ein paar Tagen konnte ich auf einem Feld einige Feldhasen beobachten. Und genau dorthin radle ich nun, in der Hoffnung, dass sie wieder auftauchen. Als ich mich dem Feld nähere, bemerke ich plötzlich ein Reh, das vor mir äst. Erstaunlich, dass ich es entdecke, bevor es mich bemerkt. Normalerweise nehmen Wildtiere Menschen schon aus grösserer Entfernung wahr und flüchten sofort. Diesmal muss ich besonders leise und unauffällig unterwegs gewesen sein. Unglücklicherweise habe ich in diesem Moment die Kamera noch nicht griffbereit. Vorsichtig gehe ich ein paar Schritte rückwärts und verstecke mich hinter einem Gebüsch.

Reh (Capreolus capreolus) // 1/640 sec | f/6.3 | ISO 3200 | 600 mm

So leise wie möglich nehme ich die Kamera aus dem Rucksack – in der Hoffnung, dass das Reh nicht bereits verschwunden ist. Doch ich habe Glück. Als ich mich leicht aus dem Gebüsch beuge, sehe ich es noch immer genüsslich vom frischen, grünen Gras fressen. Ich nähere mich langsam, Schritt für Schritt, und kann einige schöne Aufnahmen machen. Nach einer Weile entdeckt mich das Reh dann doch. Es blickt neugierig in meine Richtung, scheint mich zu mustern – und zieht sich schliesslich gemächlich in ein nahegelegenes Waldstück zurück.
Ich gehe weiter und suche eine geeignete Stelle, an der ich mich niederlassen kann, um auf die Feldhasen zu warten. Es ist noch nicht spät, doch die Sonne nähert sich langsam dem Horizont hinter den Bergen. Jetzt beginnt die aktive Zeit der Feldhasen. Etwa zwei Stunden vor Sonnenuntergang oder auch bei Sonnenaufgang sind sie besonders häufig zu beobachten.
Ich lege mich tief am Boden zwischen dichtem Unterholz am Waldrand, angrenzend an das Feld. Die Kamera liegt griffbereit vor mir. Und nun beginnt das lange Warten. In der Naturfotografie sind es oft diese Momente – Geduld, Ausdauer und ein bisschen Glück – die über ein gelungenes Bild entscheiden.

Feldhase (Lepus europaeus) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 4000 | 600 mm

Nach einiger Zeit, in der mich unzählige Mücken plagen, wage ich es, meinen Kopf ein wenig weiter aus dem Gebüsch zu strecken. Und da – völlig überraschend und unerwartet – sitzen zwei Feldhasen direkt vor mir im Feld. Zunächst bemerken sie mich nicht. Doch als ich die Kamera in ihre Richtung drehe, wird mir klar, dass sie mich längst entdeckt haben. Sie bleiben aber ruhig – im Gegenteil, sie wirken neugierig.

Feldhase (Lepus europaeus) // 1/125 sec | f/6.3 | ISO 1000 | 600 mm

Einer der Hasen stellt die Ohren auf und lauscht aufmerksam. Ob er wohl meinen Atem wahrnimmt?

Feldhase (Lepus europaeus) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 4000 | 600 mm

Schliesslich hoppelt er ein paar Schritte auf mich zu. Als er mein Gesicht erkennt, wirkt er kurz angespannt, scheint mich aber nicht als Bedrohung wahrzunehmen. Fast schon unbekümmert lässt er sich fotografieren. Immer wieder blicken die beiden kurz zu mir, wahrscheinlich um sicherzugehen, dass sich an der Lage nichts geändert hat.
Es ist fantastisch, diese eher seltene Art in meiner Heimatregion beobachten zu dürfen. In den letzten Jahren haben sich Feldhasen in der Schweiz wieder stärker ausgebreitet – ein erfreulicher Trend nach Jahren des Rückgangs.
Feldhasen bevorzugen offene Landschaften wie Felder, Wiesen und Ackerland. In der Schweiz waren sie lange Zeit stark gefährdet – intensive Landwirtschaft, Monokulturen und der Verlust von Rückzugsgebieten hatten ihnen zugesetzt. Inzwischen tragen strukturreiche Landschaften und gezielte Schutzmassnahmen dazu bei, dass sich die Bestände langsam erholen. Dennoch bleibt der Feldhase eine gefährdete Art und ist weiterhin auf Rücksicht und Schutz angewiesen.

Feldhase (Lepus europaeus) // 1/500 sec | f/6.3 | ISO 2500 | 600 mm

Einer der Hasen reibt sich mit den Vorderpfoten über das Gesicht – vielleicht, um sich zu putzen oder eine juckende Stelle zu kratzen. Diesen einzigartigen Moment kann ich mit meiner Kamera festhalten.

Feldhase (Lepus europaeus) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 4000 | 600 mm

Wie bei allen Fotos an diesem Abend liegen die ISO-Werte meist bei 4000 – selten unter 1000 –, was den dichten Wolken geschuldet ist, die nur wenig Licht durchlassen. Doch bevor die Sonne endgültig hinter den Bergen verschwindet, bricht sie noch einmal durch die Wolkendecke und taucht das Feld in wunderschönes Abendlicht. Einer der Feldhasen scheint im goldenen Schein beinahe zu leuchten.
Als wäre das nicht schon genug, richtet er sich plötzlich auf die Hinterbeine und posiert ein letztes Mal, bevor er langsam im Dämmerlicht verschwindet. Solche Erlebnisse bleiben unvergesslich – und sie mit der Kamera festhalten zu dürfen, ist für mich unbezahlbar.

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