Singschwäne im goldenen Licht

Im hohen Norden Schwedens während des tiefen, kalten Winters, wenn alle Seen zugefroren sind, würde man wohl eher weniger mit Schwänen rechnen. Doch an den Flüssen, wo sich nur an den Ufern Eiskrusten bilden, konnte ich diese antreffen. Als jemand aus dem südlicheren Europa denkt man vermutlich direkt an die Höckerschwäne (Cygnus olor). Aber tatsächlich handelt es sich um die etwas kleineren Singschwäne (Cygnus cygnus), welche im Winter auch in Mitteleuropa anzutreffen sind. Wie der Name sagt, besitzen die Höckerschwäne neben einem orangenen Schnabel noch einen schwarzen Höcker. Singschwänen hingegen fehlt dieser Höcker, und ihr Schnabel ist gelb mit schwarzer Spitze. Beiden gemeinsam ist jedoch, dass sie vor Menschen nicht so schnell wegscheuen. Und genau aus diesem Grund waren Schwäne perfekte Motive, um mit der professionellen Fotografie durchzustarten.
Zwei Monate zuvor, im Dezember 2022, hatte ich mir nämlich meine erste professionelle Ausrüstung zugelegt. Doch bis ich erstmals erfolgreiche Fotos dieser faszinierenden Wasservögel erzielen konnte, kostete es mich mindestens acht Versuche. Damals war ich gerade auf meinem ganzjährigen Austauschjahr, hatte also genügend Zeit, um mehrmals an denselben Beobachtungsort zurückzukehren. Gerade einmal 20 Minuten Fahrt mit dem ÖV von meinem Zuhause in Schweden entfernt befand sich der Fluss, an den ich immer wieder zur Beobachtung zurückkehrte. Meistens ging ich früh morgens oder am späten Nachmittag dorthin, um das goldene Licht auszunutzen. Die Singschwäne waren jedoch nicht immer am gleichen Ort, und weil der Fluss so weitläufig war, musste ich viel Glück haben, überhaupt welche beobachten zu können.

Erster erfolgreicher Morgen

Eines Morgens im Januar war ich mit Max Remesch unterwegs (ebenfalls Schweizer Austauschschüler), und wir hatten das Glück, im schönsten goldenen Licht Singschwäne zu beobachten. Doch beginnen wir zunächst von vorne.

rosarote Dampfwolken eines Sägewerks // 1/160 sec | f/5.6 | ISO 200 | 200 mm

Der Morgen war bitterkalt, mit Temperaturen unter -15°C. Erst nach 9:00 Uhr begann sich der Himmel so richtig aufzuhellen, und aufsteigende Dampfwolken eines naheliegenden Sägewerks (Bioenergieanlage) wurden in eine hellrosa Farbe getaucht, schon fast wie Zuckerwatte. Nebel stieg auf und erzeugte eine fast schon märchenhafte Atmosphäre.

aufsteigende Nebelschwaden über Fluss und verschneiter Fichtenwald // 1/200 sec | f/6.3 | ISO 50 | 200 mm

Vor uns lag der Fluss, über dem Nebelschwaden aufstiegen, am anderen Ufer ein schön verschneiter Fichtenwald. Singschwäne waren jedoch noch keine in Sicht, dafür aber ein paar Gänsesäger, die gelegentlich vorbeiflogen.

Einbruch der goldenen Stunde // 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 50 | 325 mm

morgendliche Sonne tief über dem Fluss

Als die “blaue Stunde” allmählich vorbei war, brach auch schon die “goldene Stunde” an. Auf einmal hörten wir von weitem trompetenartige, fast klagende Laute, die nur von den Singschwänen stammen konnten. Kurz darauf entdeckten wir sie am gegenüberliegenden Ufer. Zügig überquerten wir die Autobrücke, um auf die andere Seite zu gelangen.

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/640 sec | f/6.3 | ISO 200 | 600 mm

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 200 | 600 mm

Vorsichtig näherten wir uns den Singschwänen, die sich weiter flussaufwärts in den Nebelschwaden befanden. Durch die tiefstehende, nur langsam aufgehende Sonne war das Licht immer noch golden und erlaubte uns, schöne Silhouettenaufnahmen zu machen. In diesem Moment war ich überglücklich, weil ich aus meiner Sicht meine ersten richtig gelungenen Schnappschüsse erzielen konnte. All die aufwendige Recherche und Übung, die ich in meine Leidenschaft der Fotografie investiert hatte, hatten sich mit einem Mal so richtig ausbezahlt.

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 500 | 450 mm

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 500 | 600 mm

Vor lauter Aufregung hatten wir die Kälte ganz vergessen und merkten erst beim Mittagessen, wie kalt es eigentlich um unsere Finger war. Während des Januars herrschen in Schweden nur wenige Stunden Tageslicht, und so entschieden wir uns, noch bis zum Sonnenuntergang weiter zu beobachten. Es war einfach beeindruckend, diesen ruhigen, geselligen Tieren zuzuschauen. Die Fotos oben zeigen zwei weitere Singschwäne dieses Wintertags. Einen davon, und das war fast das Highlight des Tages, konnte ich ablichten, als er gerade mit seinem Schnabel Wasserpflanzen aus dem Wasser riss.

Behind the Scenes I // 1/2500 sec | f/4.5 | ISO 100 | 90 mm // ©Max Remesch

Behind the Scenes II & III // 1/2500 sec | f/4.5 | ISO 100 | 90 mm; 1/2500 sec | f/11 | ISO 3200 | 300 mm // ©Max Remesch

Ein „Fehler“, den viele Amateurfotografen zu Beginn machen – so auch ich damals –, ist, nicht mit den Tieren auf Augenhöhe zu sein, was ich im Nachhinein ein bisschen bereue. Mit einem verschwommenen Hintergrund hätten die Fotos definitiv etwas ruhiger gewirkt. Oben sind zwei Behind-the-Scenes-Fotos zu sehen, die ich Max Remesch zu verdanken habe. Eigentlich hätte ich in diesem Moment besser in liegender Position fotografieren sollen (und nicht wie rechts stehend).

Zweiter erfolgreicher Morgen

Mittlerweile waren schon zwei Monate vergangen, die Tage länger geworden, und seit dem letzten Erfolgserlebnis liessen sich die Singschwäne nie mehr von Nahem blicken. Nach unzähligen Versuchen hatte ich langsam die Hoffnung aufgegeben. Doch dank meines Durchhaltewillens konnte ich schlussendlich im März an einem frühen Morgen meine wahrscheinlich besten Wildtierfotos während meines gesamten Austauschjahres in Schweden machen.

erste Sonnenstrahlen verheissen einen neuen Tag // 1/250 sec | f/6.3 | ISO 400 | 600 mm; 1/1000 sec | f/5.6 | ISO 100 | 240 mm

Wie immer schlenderte ich am Fluss entlang und beobachtete, wie die ersten Sonnenstrahlen durch das Geäst der Bäume brachen. Schon allein für diesen Anblick lohnte es sich, früh am Morgen aufzustehen. Für mich war es ziemlich neu, solch schöne Sonnenaufgänge bzw. -untergänge zu beobachten. In den Schweizer Bergen, wo ich aufgewachsen bin, kann man solch intensiv goldenes Licht höchstens auf den Berggipfeln erleben.

magische Winterlandschaft // 1/200 sec | f/5.6 | ISO 100 | 200 mm

Auch an diesem Morgen war es bitterkalt, und ich musste dicke Handschuhe anziehen, was das Fotografieren nicht gerade leichter machte. Umso schöner war wiederum die Landschaft – diesmal lag jedoch weniger Schnee auf den Bäumen.

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/500 sec | f/5.6 | ISO 100 | 200 mm

Dann plötzlich, wie Engel aus dem Himmel herabschwebend, tauchten die Singschwäne auf und landeten direkt vor mir im Wasser. Kurz musste ich aufschrecken – so unscheinbar leise kamen sie angeflogen, dass ich sie erst bei der Landung richtig bemerkte. Das Foto oben zeigt die Singschwäne kurz nach ihrer Landung, wie sie ruhig im Wasser trieben.

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 200 | 590 mm

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 250 | 600 mm

Langsam näherte ich mich weiter dem Ufer und legte mich auf die gefrorene Schneefläche, um – anders als beim letzten Mal – auf Augenhöhe zu fotografieren. Der Hintergrund wirkt dadurch deutlich ruhiger, und der Fokus rückt stärker auf das eigentliche Motiv, den Singschwan.

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 100 | 600 mm

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/800 sec | f/5.6 | ISO 100 | 200 mm

Die Singschwäne schienen wenig Interesse an mir zu haben und liessen mich lange fotografieren. Somit konnte ich meiner Kreativität freien Lauf lassen und verschiedene Perspektiven ausprobieren. Meine persönlichen Favoriten entstanden, als die Sonnenstrahlen durch den Wald drangen und die Szene in goldenes Licht tauchten – wie die obigen Fotos eindrücklich zeigen.

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 200 | 590 mm

Einen der Singschwäne konnte ich beobachten, wie er seinen Kopf immer wieder ins Wasser tauchte, um nach Wasserpflanzen zu suchen. Beim Auftauchen erwischte ich dann den Moment, als Wassertropfen aus dem gelben Schnabel rannen.

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 200 | 600 mm

Oder dieser junge Singschwan, der offenbar auf der Suche nach Wasserpflanzen – der Hauptnahrung der Singschwäne – ein paar Seegräser mitriss und danach vertilgte.

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/800 sec | f/5.6 | ISO 200 | 200 mm; 1/800 sec | f/5.6 | ISO 200 | 200 mm

Bei diesen Fotos könnte man meinen, dass es sich um einen See handelte, weil das Wasser so schön ruhig ist. Tatsächlich ist es aber ein Fluss, der aufgrund eines nahegelegenen Wasserkraftwerks nur langsam abwärts floss.

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 160 | 575 mm

Später näherten sich die Singschwäne mir sogar noch. Einmal blickte mich ein Singschwan ganz ernst an – fast schon ein bisschen „böse“.

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/500 sec | f/6.3 | ISO 100 | 600 mm

Der Singschwan wandte den Blick wieder von mir ab. Das nächste Foto überbelichtete ich bewusst, um ein sogenanntes High-Key-Foto zu erzeugen.

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/400 sec | f/6.3 | ISO 100 | 600 mm; 1/400 sec | f/6.3 | ISO 100 | 600 mm

Singschwan (Cygnus cygnus) // 1/400 sec | f/6.3 | ISO 100 | 600 mm

Schlussendlich kamen die Singschwäne so nahe, dass ich fast ein bisschen „Angst“ bekam. Anhaben wollten sie mir jedoch keinesfalls etwas. Ich nutzte diese Gelegenheit, um extrem nahe Porträts der Singschwäne zu machen. Einen davon erwischte ich sogar, als er den Schnabel weit aufspreizte und lauthals „trompetete“. Das brachte mich zur Frage, warum diese Schwanenart eigentlich nicht „Trompetenschwan“ genannt wird. Möglicherweise rührt die Bezeichnung „Singschwan“ daher, dass sein Ruf melodischer klingt als der des nordamerikanischen Trompetenschwans (Cygnus buccinator) – oder weil seine ruhige, elegante Ausstrahlung an eine Opernsängerin oder Ballerina erinnert.
Eines ist klar: Das Projekt Singschwäne wird mir für immer in Erinnerung bleiben und markierte sozusagen den Start weiterer erfolgreicher Fotografiererlebnisse. Wer weiss, vielleicht werde ich eines Winters wieder in den hohen Norden reisen, um die Singschwäne zu besuchen. Die Fotos, die mir damals gelangen, werden wohl aber schwer zu übertreffen sein.

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