Früh am Morgen, um genau 2:30 Uhr, klingelt mein Wecker. Lange habe ich nicht geschlafen, doch für die Fotografie bin ich immer bereit, auch mal etwas früher aufzustehen. Müde steige ich aus dem Bett, ziehe meine Wandersachen an, packe noch die letzten wichtigen Dinge in meinen Rucksack und mache mich auf zu meinem nächsten Abenteuer.
Mittlerweile ist es schon 3:00 Uhr morgens. Ich schwinge mich auf mein Fahrrad und fahre in der Dunkelheit los. Der Himmel scheint klar zu sein – ein gutes Zeichen für schönes, fotogenes Licht.
Während der Radfahrt zum Startpunkt der Wanderung stelle ich mir vor, wie ich später in den Bergen endlich wieder einmal Steinböcke fotografieren kann. Doch das ist noch ungewiss, denn die Natur ist bekanntlich unberechenbar. Trotzdem bleibe ich wie immer optimistisch, auch wenn es bei den letzten beiden Versuchen an dieser Location nicht wie erhofft geklappt hat.
Nach gut zwei Stunden Radfahrt parke ich mein Fahrrad. Nun geht es zu Fuss weiter. Es tut gut, die frische Morgenluft einzuatmen und durch die Dunkelheit zu wandern. Tagsüber kann die Hitze und pralle Sonne beim Wandern anstrengend werden. Wie immer, wenn ich Tiere bei Sonnenaufgang fotografiere, nehme ich mir vor, zügig den Berg zu besteigen, um gegebenenfalls noch genug Zeit zu haben, die Tiere zu finden und – wenn alles passt – im goldenen Licht zu fotografieren.


Der Wanderweg ist gesäumt von Alpensalamandern.
Bald erreiche ich die Waldgrenze. Es geht über Alpenwiesen immer weiter den Berg hinauf. Auf dem Wanderweg begegne ich zahlreichen Alpensalamandern. Erstaunlich, wie viele ich an diesem Morgen entdecken kann. Bei jedem Schritt muss ich aufpassen, keinen zu zertreten. Einige Salamander kann ich sogar bei der Paarung beobachten. Die Feuchtigkeit des Regenschauers vom Vortag scheint ihnen gutgetan zu haben.


Vorsichtig nähere ich mich den Steinböcken.
Oben auf dem Berggrat angekommen, nehme ich meinen Feldstecher hervor und spähe die Umgebung ab. Und tatsächlich – in der Ferne kann ich eine Gruppe von mindestens einem Dutzend Steinböcken ausmachen. Ich bin überglücklich. Die Mühe hat sich an diesem Punkt für mich schon definitiv gelohnt.
Langsam nähere ich mich den Tieren. Auf dem Weg höre ich den Ruf von Alpenschneehühnern – ein schöner Moment, auch wenn ich sie in der Morgendämmerung nicht entdecken kann.
Schliesslich erreiche ich einen geeigneten Ort, um die Steinböcke aus sicherer Entfernung zu beobachten. Sie haben mich bereits bemerkt. Jetzt gilt es, ihnen mit Respekt zu begegnen und nicht auf sie zuzulaufen, damit sie nicht flüchten. Obwohl Steinböcke meist gelassen auf Menschen reagieren, warte ich geduldig, bis sie sich an meine Anwesenheit gewöhnt haben.
Und tatsächlich: Mein Plan geht auf. Die Steinböcke kommen näher – ein Zeichen, dass sie mich nicht als Bedrohung wahrnehmen. Ich kann mich nun ganz der Fotografie dieser Prachttiere widmen.


Alpensteinbock (Capra ibex) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 4000 | 400 mm; 1/320 sec | f/6.3 | ISO 320 | 350 mm
Mein Ziel an diesem Morgen ist es, möglichst viele Blickwinkel auszuprobieren, um eine grosse Vielfalt an verschiedenen Bildideen umzusetzen. Die Lichtverhältnisse sind dafür beinahe perfekt – zumindest, solange die Sonne nicht hinter einer dicken Wolke verborgen bleibt. Als sie schliesslich durch eine dünne Schleierwolke scheint, wird das Licht diffus. Dadurch werden die Strukturen und Farben der Steinböcke wunderbar weichgezeichnet, und schöne Details kommen zur Geltung.
Ein paar Schleierwolken oder leichte Nebelschwaden sind in solchen Momenten sogar von Vorteil, denn so kann man die Tiere über längere Zeit fotografieren, ohne dass das Licht – wie bei wolkenlosem Himmel – zu grell wird. Andernfalls entsteht bei Sonnenaufgang oft der Effekt des kitschig-goldenen Lichts.

Alpensteinbock (Capra ibex) // 1/800 sec | f/5.6 | ISO 2000 | 260 mm


Alpensteinbock (Capra ibex) // 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 1600 | 400 mm; 1/800 sec | f/6.3 | ISO 2500 | 400 mm
Einige der Tiere befinden sich im direkten Sonnenlicht, was ich mir natürlich zunutze machen möchte. Noch nie zuvor sind mir derart stimmungsvolle Aufnahmen gelungen.


Alpensteinbock (Capra ibex) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 3200 | 405 mm; 1/800 sec | f/6.3 | ISO 4000 | 600 mm


Alpensteinbock (Capra ibex) // 1/800 sec | f/6.3 | ISO 4000 | 425 mm; 1/800 sec | f/6.3 | ISO 1250 | 600 mm
Vor diesem Morgen konnte ich Steinböcke meist nur im Halbschatten fotografieren. Auch heute versuche ich es bewusst wieder damit, denn viele Tiere halten sich genau dort auf. Zwar ist das Licht im Halbschatten etwas schwächer, doch die Bildwirkung unterscheidet sich deutlich von jener bei direkter Sonneneinstrahlung.

Alpensteinbock (Capra ibex) // 1/640 sec | f/5.6 | ISO 3200 | 260 mm

Alpensteinbock (Capra ibex) // 1/1000 sec | f/5.6 | ISO 1600 | 200 mm
Ich experimentiere mit verschiedenen Kompositionen – einmal mit dem Bergwald im Hintergrund, ein anderes Mal mit einer Bergkette. Als das Licht härter wird, versuche ich ein paar Filmaufnahmen. Dafür benutze ich mein Makrostativ, was dafür allerdings nur bedingt geeignet ist, und montiere mein überproportional grosses Objektiv darauf. In der Vergangenheit waren meine Filmaufnahmen oft verwackelt – ein stabiles Stativ ist hier also unerlässlich, es sei denn, man hat ein sehr ruhiges Händchen. Es macht mir richtig Spass, den Steinböcken beim Äsen zuzuschauen und mich an der Videografie zu versuchen. Ganz so einfach ist das allerdings nicht. Immer wieder habe ich Schwierigkeiten, auf die Tiere zu fokussieren, und oft bewegen sie sich zu hastig, sodass ich mit der Kamera kaum hinterherkomme.


Alpensteinbock (Capra ibex) // 1/1250 sec | f/6.3 | ISO 1600 | 540 mm; 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 1000 | 550 mm
Ab und zu – besonders wenn das Licht wieder diffuser wird – widme ich mich erneut der Fotografie, diesmal im hohen Gras, um im Bild einen gelbgrünen Hintergrund zu erzeugen. Irgendwann macht sich der Hunger bemerkbar. Ich entferne mich ein Stück von den Tieren, um mich bei meinem Rucksack kurz zu verpflegen. Das Licht ist ohnehin inzwischen zu grell, um noch ansprechende Fotos zu machen. Lange dauert die Pause allerdings nicht, denn eine grössere Wolke schiebt sich vor die Sonne – und in der Ferne entdecke ich einen Steinbock auf einem Felsen, den ich natürlich nicht verpassen will. Ich packe also meine Ausrüstung und mache mich auf den Weg.


Alpensteinbock (Capra ibex) // 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 2000 | 600 mm; 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 2000 | 330 mm
Danach nähere ich mich dem Tier weiter und mache ein klassisches Porträt, bis ich auf einem entfernten Felsen drei Steingeissen mit fünf Kitzen entdecke. Diese sind deutlich scheuer und behalten mich stets gut im Blick. Bald beende ich meine Foto-Session und beobachte noch, wie die letzten Steinböcke vom Äsen zurückkehren und sich in die steilen Felswände zurückziehen, um dort den Rest des Tages im kühlen Schatten zu verbringen.
Auf dem Rückweg bestaune ich – wie immer – die wunderschönen Alpenblumen und die vielen Schmetterlinge. Nun steht mir noch eine lange Radfahrt bevor, und ich habe Zeit, den Morgen Revue passieren zu lassen und mir Gedanken für diesen Blogbeitrag zu machen.
Oft frage ich mich: Was wären die Alpen ohne den Steinbock? Dieser faszinierende Bewohner der Berge würde mir auf jeden Fall fehlen. Dann erinnere ich mich daran, dass der Steinbock aufgrund intensiver Bejagung in der Vergangenheit beinahe ausgerottet wurde. Wir können uns glücklich schätzen, dass diese Art nicht vollständig verschwunden ist. Und hoffentlich können wir den Steinbock auch in Zukunft noch bestaunen.



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