Rehbock im Frühling

Der Frühling war langsam spürbar, doch die Temperaturen lagen noch nahe bei 0 °C. An einem bewölkten Morgen war ich in den Wäldern Schwedens unterwegs, auf der Suche nach Wildtieren. Schon mehrfach hatte ich versucht, Elche zu fotografieren – bisher ohne Erfolg. Auch an diesem Morgen war das Glück nicht auf meiner Seite. Kein Elch war zu entdecken.
Als sich der Wald lichtete, konnte ich in der Ferne einen Acker erkennen, der noch stellenweise von einer dünnen Schneeschicht bedeckt war. Mein Blick blieb an einer Gruppe Rehe hängen, die sich am Rand des Ackers in der Nähe des Waldes aufhielten. Ich beschloss, mich ihnen vorsichtig über einen Weg am Waldrand zu nähern.
Je näher ich kam, desto bedachter bewegte ich mich, um unbemerkt zu bleiben. Jeder Schritt musste sitzen, denn ein einziges Knacken eines Ästchens hätte genügt, um die Tiere aufzuscheuchen. Die Rehe blieben an Ort und Stelle – ein gutes Zeichen. Ich beobachtete sie eine Weile, um ihre Bewegungsrichtung abzuschätzen. Tatsächlich kamen sie langsam näher an den Waldrand.

Reh (Capreolus capreolus) // 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 800 | 600 mm

Dank der Bäume war ich gut gedeckt und konnte mich weiter heranpirschen. Schliesslich liess ich mich bei einer Föhre ins Gras sinken, in der Hoffnung, dass sich die Rehe weiterhin in meine Richtung bewegen würden. Und so kam es. Eines der Tiere trat aus dem offenen Feld ins hohe Gras und begann genüsslich zu fressen – keine fünfzehn Meter von mir entfernt. Dies war mein Moment. Ich nutzte die Gelegenheit, um ein paar Fotos zu machen.

Reh (Capreolus capreolus) // 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 800 | 600 mm

Das Reh war ein junger Rehbock, vermutlich ein Jährling, mit einem auffälligen Geweih. Auf der linken Seite seines Kopfes wuchs ein kurzer, noch mit Bast überzogener Geweihstumpf. Die rechte Seite war hingegen leer. Solch einseitige Geweihe kommen vor allem bei jungen Böcken vor. Die Ursache kann in den Genen liegen, durch eine Entwicklungsstörung entstehen oder die Folge einer alten Verletzung sein.

Reh (Capreolus capreolus) // 1/1000 sec | f/6.3 | ISO 1000 | 600 mm

Besonders eindrücklich war ein kurzer Moment, in dem der Rehbock beim Fressen die Zunge herausstreckte – eine Szene, die fast ein wenig lustig wirkte.
Noch nie zuvor war ich einem Reh so nahegekommen. Es war das erste Mal, dass ich so eindrucksvolle Aufnahmen von Huftieren machen konnte – ein unvergessliches Erlebnis in der Wildnis Schwedens.

Wissenswertes:
Warum strecken Rehe beim Fressen manchmal die Zunge heraus?
Das kurze Herausstrecken der Zunge beim Fressen ist bei Rehen völlig normal. Es gehört zur natürlichen Bewegung während der Nahrungsaufnahme, zum Beispiel wenn sie versuchen, ein Blatt oder einen Halm gezielt zu greifen. Die Zunge hilft dabei, das Futter zu führen oder in die richtige Position zu bringen. Manchmal sieht es dabei fast ein wenig lustig aus – ein Ausdruck von Konzentration oder auch Entspannung. Anders als bei manchen Haustieren deutet dieses Verhalten bei gesunden Rehen nicht auf Stress oder Krankheit hin, sondern ist einfach ein natürlicher Teil ihres Fressverhaltens.

Quellen:

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